Von außen sah es nach Disziplin aus. Sie erreichte ihre Ziele, wieder und wieder, mit harter Arbeit und viel Verzicht. Was niemand sah, war der Kampf dahinter und dass es nie hielt. Über viele Jahre nahm sie viele Male stark ab und danach langsam wieder zu.
Abnehmen war dabei nie ihr eigentliches Problem. Essen zu reduzieren gelang ihr, oft mit sehr strengen Diäten. Das Problem lag tiefer. Essen war ständig in ihrem Kopf, und in manchen Phasen verlor sie die Kontrolle darüber vollständig. Über die Zeit wurde daraus etwas, das sie selbst am meisten belastete: Angst. Angst vor Hunger, Angst vor dem Essen und Angst vor jeder Kalorie.
Jahrelang abnehmen und wieder zunehmen, trotz allem Wissen
Sie hatte gefühlt alles gelesen und ausprobiert, was es gab. An Wissen fehlte es ihr nicht. Trotzdem drehte sich dasselbe Rad immer weiter. „Ich habe immer wieder meine Ziele erreicht mit unglaublich viel Disziplin, harter Arbeit und enormen Kampf.“ Sobald ein Ziel erreicht war, ging es langsam wieder in die andere Richtung, und einige Zeit später stand sie wieder am Anfang.
Was dabei am schwersten wog, war nicht die Anstrengung, sondern das, was sie über sich selbst dachte. „Mein enormer Selbsthass.“ Sie warf sich vor, „dass ich zu blöd dafür bin, dass ich zu undiszipliniert bin“. Über den emotionalen Anteil dahinter dachte sie damals gar nicht nach. „Ich habe mich hauptsächlich dafür gehasst, wenn ich es hatte.“
„Und einfach dieses Entlarven, ah, das ist emotionaler Hunger, das ist kein echter Hunger, das hat eigentlich bei mir das meiste verändert.“
Klientin aus der Beratung
Essen war permanent im Kopf
Auch in den Phasen, in denen alles nach Erfolg aussah, kam sie nicht zur Ruhe. „Essen war einfach permanent im Kopf, auch wenn ich super abgenommen habe.“ In den guten Phasen kreisten die Gedanken darum, wie lange sie es durchhält und wie sie danach aussehen würde. In den schweren Phasen kreisten sie darum, was sie als Nächstes essen würde, noch während sie aß.
„Es war einfach ständig in meinem Kopf.“ Das Thema nahm so viel Raum ein, dass für vieles andere kaum Platz blieb. Es war weniger eine Frage von Kalorien als ein Grundzustand, aus dem sie allein nicht herausfand.
Kontrollverlust und die Angst davor
Am meisten belasteten sie die Phasen, in denen sie sich nicht mehr steuern konnte. „Das Schlimmste daran waren einfach diese Phasen, wo ich so überhaupt keine Kontrolle mehr über mich hatte.“ Und dazu kam eine zweite Last, die fast schwerer wog als der Verlust selbst: „Und die unglaubliche Angst davor, die Kontrolle nicht mehr zu bekommen.“
Sie beschreibt, wie sich so ein Moment anfühlte. „Der Kontrollverlust sah so aus, dass ich dann einfach gegessen habe. Also wahllos alles, was da war.“ Aus diesem Wechsel aus Kontrolle und Kontrollverlust wuchs mit der Zeit eine tiefe Angst vor dem Essen an sich. „Vor jeder Art von Kalorienzufuhr hatte ich eigentlich Angst.“ Selbst der ganz normale Start in den Tag war betroffen. „Früher hätte ich einen Kaffee getrunken und hätte dann das so lange wie möglich rausgezögert, dass ich was esse.“
Emotionalen Hunger erkennen
Der Wendepunkt lag nicht in einem neuen Ernährungsplan, sondern in einer Unterscheidung, die sie vorher gar nicht kannte. Sie lernte, echten Hunger von emotionalem Hunger zu trennen. „Und einfach dieses Entlarven, ah, das ist emotionaler Hunger, das ist kein echter Hunger, das hat eigentlich bei mir das meiste verändert.“
Heute bemerkt sie den emotionalen Hunger früh. „Wenn ich einen emotionalen Hunger verspüre, dann entdecke ich ihn meistens ziemlich gleich.“ Sie kennt inzwischen auch die Auslöser dahinter. „Meistens ist es bei mir Stress, Müdigkeit, Angst.“ Das Entscheidende ist, dass der emotionale Hunger seine Bedrohlichkeit verloren hat. Sie registriert ihn, statt von ihm überrollt zu werden, und kann dann abwägen, was sie wirklich braucht.
Wieder wählen können: essen, schlafen, lesen oder nichts tun
Aus dem Erkennen wird eine Wahl. Wo früher nur der Griff zum Essen stand, stehen heute mehrere Möglichkeiten. „Ich suche mir dann entweder eine Alternative, ein Bad, eine Massage, ein Buch, ein Schlaf oder eben halt manchmal nichts, ist dann auch okay.“ Manchmal entscheidet sie sich bewusst fürs Essen, manchmal bewusst dagegen, und beides ist in Ordnung.
Wenn sie hungrig ist, weiß sie inzwischen, was ihr guttut. „Ich habe keine Angst mehr davor, was zu essen, sondern ich weiß einfach, was ich jetzt essen kann.“ Am deutlichsten zeigt sich die Veränderung an kleinen Alltagsszenen, die für sie früher undenkbar waren. „Ich habe jetzt keinen Hunger mehr, ich packe es weg, ich stelle es in den Kühlschrank.“ Essen stehen zu lassen und später weiterzuessen, ist heute selbstverständlich. „Ich habe keine Angst mehr davor, Essen stehen zu lassen. Ich habe auch keine Angst mehr davor, Essen wegzuwerfen. Ich habe keine Angst mehr davor zu essen.“
Mehr Gelassenheit und klarere Grenzen
Die Veränderung reicht über das Essen hinaus. „Absolut viel gelassener.“ So beschreibt sie ihren Alltag heute. Rückblickend sieht sie erst, wie angespannt sie vorher war. „Was für mich sich sehr stark verändert hat, ist, dass ich verstanden habe, wie wenig gelassen ich war, wie gestresst ich war.“
Dazu kam etwas, das sie vorher kaum kannte: Grenzen. Sie trifft heute „generell mehr Entscheidungen für mich zu treffen, die mir gut tun“, und sie hat gelernt, „was es bedeutet, Nein sagen zu können“. Wenn ihr alles über den Kopf wächst, handelt sie anders als früher. „Ich gehe einfach raus, wenn ich merke, es ist zu viel oder ich weiß, ah, ich habe Hunger. Ich esse jetzt einfach einmal Gemüse.“ Etwa zehn Kilo hat sie in dieser Zeit abgenommen. Sie selbst misst die Veränderung aber nicht daran, sondern an der Ruhe, mit der sie durch ihren Tag geht.
Ein Weg, der weitergeht
Sie stellt es nicht als abgeschlossen dar. Alte Muster tauchen weiter auf, und sie weiß, dass Verändern ein Üben bleibt. „Man geht dann halt wieder zurück zu seinen Autobahnen, die man kennt.“ Der Unterschied liegt darin, wie sie damit umgeht. „Aber ich bin ja nicht enttäuscht von mir, wenn ich merke, ich muss das jetzt noch üben.“
Sie hat auch gelernt, sich weniger streng zu behandeln. „Ich habe gelernt, bewusst Ausrutsche zuzulassen.“ Emotionaler Hunger kommt noch vor, Stress und Müdigkeit auch. Was sich verändert hat, ist, dass sie ihn erkennt, ihn nicht mehr fürchtet und selbst entscheidet, was sie damit tut.
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Selbstcheck startenFür wen diese Geschichte relevant ist
- Menschen, die viel über Ernährung wissen und sich trotzdem immer wieder mit Disziplin durch Diäten kämpfen, ohne dass es hält.
- Menschen, die in manchen Phasen die Kontrolle über das Essen verlieren und danach Angst vor dem nächsten Kontrollverlust haben.
- Menschen, die Angst vor Hunger und vor Kalorien entwickelt haben und morgens das Essen so lange wie möglich hinauszögern.


