Tagsüber hielt sie alles zusammen. Sie arbeitete konzentriert, war zuverlässig, kümmerte sich und aß dabei erstaunlich wenig. Morgens fast nichts, mittags zu wenig. Was sie tagsüber aufschob, holte sie sich am Abend zurück, und dann nicht in kleinen Mengen.
Über mehr als zwei Jahrzehnte lief dieses Muster fast jeden Tag. Je mehr Verantwortung sie im Beruf trug, desto stärker wurde der Drang am Abend. Abnehmen war dabei nie ihr eigentliches Thema. Das bekam sie über Disziplin geregelt. Sie wollte die Last loswerden, die jeden Abend zurückkam.
Der Abend war die einzige Zeit, in der niemand etwas von ihr wollte
Der Abend war ihre Freiheit. „Das war die Zeit, wo alles in Ordnung war für mich. Wo keiner was von mir wollte.“ Nach einem Tag, an dem sie funktioniert hatte, war das Essen am Abend der Moment, der ihr gehörte. Zuerst fühlte es sich wie Entlastung an, mit den Jahren wurde es zur Falle.
Am nächsten Morgen kam die Rechnung. Über die Abende und die Jahre hatte sich etwas angesammelt, das sie kaum in Worte fassen konnte. „Ich habe am Morgen immer gedacht, mein Leben ist sinnlos.“ So begann für sie über lange Zeit fast jeder Tag.
„Ich fühle mich wahnsinnig erleichtert, nicht allein zu sein. Das ist ein Riesenmehrwert.“
Klientin aus der Beratung
Bei der Fastenkur merkte sie, dass sie allein nicht weiterkommt
In mehr als zwei Jahrzehnten hatte sie vieles versucht. Ein halbes Jahr ohne Zucker, kein Weißmehl, Shakes, schließlich eine Fastenkur. Am Gewicht ließ sich damit etwas bewegen, am Grundproblem nichts.
Ausgerechnet bei dieser Fastenkur kam der Wendepunkt. Die Ärztin fragte sie, warum sie denn so viel essen müsse. „Und dann fing ich an zu weinen und da merkte ich, dass ich ein Problem habe, was ich nicht lösen kann.“ Der Rat, einfach weniger zu essen, ging ins Leere. Genau das war ja das, was sie allein nicht schaffte.
Wissen war nicht das, was ihr fehlte. Sie hatte gelesen und verstanden, was emotionales Essen ist. Nur änderte das im entscheidenden Moment nichts. „Das eine weiß ich und das andere fühle ich.“ Ein Buch erklärt das Muster. Es im eigenen Alltag zu verändern war etwas anderes.
Vom ersten angespannten Gespräch zur Erleichterung
Über ein Interview stieß sie auf einen Gedanken, der hängen blieb. Wer sich Hilfe holt, macht einen Zeitsprung. Vielleicht kommt man irgendwann allein ans Ziel, mit Begleitung geht es schneller. Sie blickte auf mehr als zwei Jahrzehnte zurück, in denen sich gefühlt nichts bewegt hatte, und meldete sich an.
Vor dem ersten Gruppengespräch war sie nervös. Sich mit dem eigenen Thema vor anderen zu zeigen, fiel ihr schwer, gerade weil so viel Selbstreflexion dazugehörte. „Ich hatte Angst, weil es ja auch um sehr viel Selbstreflexion geht. Sich mit seinem eigenen Bullshit zu beschäftigen, ist nicht sehr angenehm. Aber es hilft wirklich wahnsinnig gut.“
Was sie dann erlebte, überraschte sie. „Ich fühle mich wahnsinnig erleichtert, nicht allein zu sein. Das ist ein Riesenmehrwert.“ Dass andere in der Gruppe ähnliche Muster kannten, nahm dem Thema das Schamhafte. Die Gespräche mit Menschen, die diese Muster kannten und fachlich begleiten konnten, erreichten sie anders als Gespräche im persönlichen Umfeld.
Was heute anders ist
Das Auffälligste zeigt sich morgens. Der schwere Gedanke, mit dem sie früher in den Tag startete, kommt nicht mehr.
Kochen ist wieder ein Hobby geworden. Sie freut sich auf ihr Essen und ist danach satt. Kommt zwischendurch Hunger, verbietet sie ihn sich nicht mehr, sondern isst etwas, das sie wirklich versorgt.
Essanfälle gibt es weiter, aber nicht mehr in denselben Mengen. Vor allem erkennt sie die Spirale früher. „Auch wenn es nicht optimal läuft, ist diese Abwärtsspirale nicht so vorhanden. Die kann ich mittlerweile nach ein paar Tagen stoppen statt nach ein paar Monaten.“ Und selbst an schwächeren Tagen fühlt es sich anders an als früher. „Trotz der Essanfälle ist es nicht ganz so hart und frustrierend und deprimierend wie vorher.“
Sie traut sich auch im Alltag mehr. Kleine Situationen, die sie früher gebremst haben, geht sie heute einfach an. „Vor drei Monaten hätte ich eine Viertelstunde in der Wohnung gesessen und überlegt, was die Leute denken. Und heute mache ich das einfach.“
Am wichtigsten ist ihr eine Erfahrung, die weit über das Essen hinausgeht. Sie hat ihr eigenes Tempo akzeptiert, das sie ihr Leben lang als Makel empfunden hatte. „Ich hatte immer das Gefühl, dass ich ein anderes Tempo als die restlichen Menschen habe, dass ich immer zu langsam bin. Da aber zu merken, dass ich mein eigenes Tempo habe und mit diesem Tempo ans Ziel gekommen bin.“ Innerhalb etwa eines halben Jahres erreichte sie auch ihr Wunschgewicht, von gut 80 auf Mitte 60 Kilo. Daran allein misst sie die Veränderung nicht.
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Selbstcheck startenFür wen diese Geschichte relevant ist
- Menschen, die tagsüber stark funktionieren und abends regelmäßig die Kontrolle über das Essen verlieren.
- Menschen, für die der Abend die einzige Zeit ist, in der niemand etwas von ihnen will.
- Menschen, die viel über Ernährung wissen und im entscheidenden Moment trotzdem nicht anders handeln können.


